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Historisches Tagebuch: 26.04.1986 - Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Mittwoch, 26. April 2017 - 11:20

Historisches Tagebuch: 26.04.1986 - Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

1986: Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

In der Nacht auf den 26. April 1986 explodierte nach einem Bedienfehler Reaktor Nr. 4 des AKW Tschernobyl. Die enorme radioaktive Freisetzung verseuchte weite Teile Europas. Tausende Menschen starben vor Ort und in den verstrahlten Gebieten. Nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern ganz Europa wurden dem radioaktiven Fallout ausgesetzt. Dieser atomare Super-GAU verseuchte nicht nur weite Teile Mitteleuropas mit radioaktiver Strahlung, sondern war auch eine Zäsur des blinden Technologieglaubens. Die Folgen übertrafen selbst die schlimmsten Befürchtungen von Atomkraftgegnern und Wissenschaftlern und dauern bis heute an. Am stärksten waren die über 600.000 Aufräumarbeiter (Liquidatoren) und Ärzte betroffen, die den zerstörten Reaktor notdürftig abdeckten und die schlimmsten Strahlungsfolgen behandelten. Ihre Kinder und Kindeskinder in der Ukraine erkranken auch heute noch an den Folgen. Tschernobyl steht somit für die bislang schwerste Reaktorkatastrophe in der Geschichte der zivilen Kernkraftnutzung.

Radioaktivitätsmessungen in Luft und Niederschlag damals und heute

Die allgemeine Überwachung der Radioaktivität in Deutschland war damals auf verschiedene Laboratorien der Bundesländer und einiger Bundesbehörden aufgeteilt. Das größte Problem zu Anfang bestand in der Unterschiedlichkeit von Messverfahren und Grenzwerten in den einzelnen Bundesländern. Für die Überwachung der Atmosphäre auf radioaktive Beimengungen, also in der Luft und im Niederschlag, war dagegen seit 1955 die Bundesbehörde Deutscher Wetterdienst (DWD) zuständig. Der DWD konnte damals mit Hilfe 12 spezieller Messstellen vom ersten Tag an die erhöhten Werte der Radioaktivität in Luft und Niederschlag feststellen und zusammen mit entsprechenden Ausbreitungsvorhersagen an das zuständige Innenministerium des Bundes melden. Als Lehre aus Tschernobyl setzte die Bundesregierung ein Konzept des neu geschaffenen Umweltministeriums um und vernetzte auf der Basis des Strahlenschutzvorsorgegesetzes vom Dezember 1986 alle beteiligten Fachbehörden. Zudem wurde ein integriertes Mess- und Informationssystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) geschaffen und beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) angesiedelt. Seit 1986 konnte das Messnetz von 12 auf 48 Messstellen erweitern. „Neueste Technik ermöglicht heute bereits ein Millionstel der damals durch Tschernobyl verursachten Radioaktivität aufzuspüren“, so DWD-Referatsleiter Dr. Thomas Steinkopff. Der Niederschlag wird täglich gesammelt und mit hochempfindlicher Technik ausgemessen. Ein 20-köpfiges Team im Zentrallabor des DWD in Offenbach organisiert ggf. zusätzliche radiochemischen Analysen für extrem empfindliche Spurenmessung und koordiniert die Arbeit des DWD-Radioaktivitätsmessnetzes. Auch der Einsatz eines Messflugzeugs wird von hier aus gesteuert. Mehrmals im Jahr führt man im DWD entsprechende Ernstfall-Übungen durch. Inzwischen sind Ausbreitungsberechnungen innerhalb weniger Minuten zur Abschätzung der Konzentration in Luft und Niederschlag Routine. Auch Rückwärtsprojektionen sind möglich: Sie lassen erkennen woher die Radioaktivität ursprünglich kam. Der Fall Fukushima hat gezeigt wie gut der DWD mittlerweile aufgestellt ist. Tatsächlich konnte der DWD damals exakt vorhersagen wie viel Tage es brauchen wird, bis die extrem verdünnten Emissionen aus Fukushima auch über Deutschland nachweisbar sind.

Die Atomruine von Tschernobyl

Der neue „Sarkophag“ der Atomruine, der dreimal so groß ist wie die Hamburger Bahnhofshalle, wird frühestens Ende 2017 fertiggestellt und soll über die bisherige Schutzhülle geschoben werden. Die Kosten für den so genannten Shelter Implementation Plan (SIP) haben sich inzwischen vervielfacht und liegen bei rund 2,15 Milliarden Euro. Das Projekt hat sich um zwölf Jahre verzögert. 2017 – 31 Jahre nach Beginn der bisher größten Atomkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl geht von dem havarierten Reaktor noch immer eine Gefahr für die Bevölkerung aus. Die Bewältigung der desaströsen Folgen steht weiter ganz am Anfang. Rund fünf Millionen Menschen müssen in den betroffenen Gebieten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands auf radioaktiv verseuchtem Boden leben. Diese Schlüsse zieht ein aktueller Statusreport der Physikerin Oda Becker im Auftrag von Greenpeace. „Die gewaltigen Mengen Atommüll aus dem Tschernobyl-Reaktor zu bergen, wird eine zweistellige Milliardensumme kosten. Die Bundesregierung und ihre G7-Partner müssen die wirtschaftlich schwache Ukraine auch weiterhin bei der Bewältigung der Katastrophe unterstützen“, sagt Tobias Münchmeyer, Atom-Experte von Greenpeace. „Diese Sisyphos-Arbeit muss geleistet werden, obwohl nicht absehbar ist, ob sie jemals gelingt.“ Noch Jahrzehnte nach Tschernobyl sind die Auswirkungen des schwersten Reaktorunfalls aller Zeiten noch lange nicht ausgestanden. Laut dem Bericht "The Other Report on Chernobyl - 2016" werden in den nächsten Jahrzehnten zusätzliche zehntausende tödliche Krebserkrankungen erwartet, in Summe werden mindestens 40.000 Todesfälle weltweit durch die Reaktorkatastrophe zu beklagen sein.

Ukraine nicht mit den Folgen allein lassen

440.000 Kubikmeter langlebiger Atomabfälle liegen unter dem  alten „Sarkophag“. Das entspricht dem fünfzehnfachen Volumen aller hochradioaktiven Abfälle deutscher Atomkraftwerke. Für die Bergung fehlen nicht nur die technischen Konzepte – unklar ist auch, wer die enormen Kosten für diese Arbeiten übernehmen soll. Experten der ukrainischen Regierung gehen dabei von mehreren zehn Milliarden Dollar aus. Anlagen für die Behandlung und Lagerung der unfallbedingten radioaktiven Stoffe stehen weiter aus. Inzwischen wird sogar deutlich, dass an einer langfristigen Lösung fast gar nicht gearbeitet wird. Selbst das Pilotprojekt für einen Test zur Bergung der radioaktiven Materialien wurde eingestellt. Zu befürchten ist, dass die Ukraine nach Abschluss des SIP mit diesem Problem mehr oder weniger alleine dasteht. Von einer Überführung in ein ökologisch sicheres System ist der havarierte Reaktor nach wie vor weit entfernt. Heute (und für viele Jahrhunderte) gibt es in der hoch kontaminierten „Verbotenen Zone“ viele offene Quellen für die Ausbreitung der Radionuklide. Die Auswirkungen der permanent erhöhten Radioaktivität auf das Ökosystem sind nicht ausreichend geklärt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 sind nach atomaren Katastrophen die Langzeitschäden der betroffenen Ökosysteme größer als angenommen. Selbst geringe Strahlendosen können Pflanzen und Tiere schädigen. Die Ukraine versucht dessen ungeachtet, aus dem Unfall Gewinne zu schlagen, indem sie die „Verbotene Zone“ touristisch erschließt.

Endlich Lehren aus den Atom-Super-Gau's ziehen

Tschernobyl zeigt, dass Atomkraft eine unbeherrschbare Risikotechnologie ist und bleibt. Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl gibt es immer noch massive Probleme vor Ort. Es ist unklar, ob eine Katastrophe dieses Ausmaßes überhaupt jemals bewältigt werden kann. Tschernobyl bleibt ein Mahnmal für das tödliche Risiko und die Unbeherrschbarkeit der Atomkraft. Und Tschernobyl zeigt, dass wir endlich einen konsequenten Atomausstieg brauchen. Der Jahrestag mahnt uns, den Atomausstieg weiter voranzutreiben: nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und weltweit. Diese und die historisch jüngere Katastrophe im japanischen Fukushima haben zu einem weltweiten Umdenken über die Beherrschbarkeit der Risikotechnologie Atomkraft geführt. Wir müssen jetzt verhindern, dass ein viel näheres Atom-Projekt sich weiter zu einer tickenden Zeitbombe entwickelt. Deshalb fordern Umweltschützer wie Atomgegner einen europäischen Gipfel zur Atomsicherheit. Außerdem ist eine neue, umfassende Sicherheitsüberprüfung der europäischen AKW erforderlich. Ferner wird immer deutlicher die Forderung für mehr Mitspracherechte für Anrainerstaaten bei den Sicherheitsanforderungen für grenznahe Atomkraftwerke und die Schließung der Atomfabriken Urenco und ANF Lingen, die das weltweite Atomkarussell weiter am Laufen halten. Für den Katastrophenfall fordern Umweltpolitiker zumindest eine unbegrenzte Betreiberhaftung und eine Deckungsvorsorge von mindestens 25 Milliarden Euro. Das würde auch automatisch zu einer raschen Abschaltung der schlimmsten Schrottmeiler in Europa führen.


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