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Tag des Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Freitag, 27. Januar 2017 - 12:07

Rainer Wermelt | rainerwermelt.de | Opfer des Nationalsozialismus

Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Der verstorbene Altbundespräsident Roman Herzog hat den 27. Januar zum nationalen Gedenktag erklärt, um damit der gefährlichen Geschichtsvergessenheit entgegen zu wirken. Diese Aufforderung darf sich nicht nur im Kalender niederschlagen. Deshalb wurde der Tag der Befreiung im Jahr 1996 zum ersten Mal als nationaler Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Er soll, wie es der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag ausdrückte, als zentraler Gedenktag „aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden lassen“. Weiter sagte Herzog: "Auschwitz steht symbolhaft für millionenfachen Mord - vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen. Es steht für Brutalität und Unmenschlichkeit, für Verfolgung und Unterdrückung, für die in perverser Perfektion organisierte 'Vernichtung' von Menschen. Die Bürger unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind." Ganz besonders wichtig war Herzog , auch junge Menschen mit diesem Anliegen zu erreichen. In ganz Deutschland finden an diesem Tage Veranstaltungen stattfinden, die dieses Gedenken aufnehmen.

Auftrag für eine offene, freie und vielseitige Gesellschaft

An diesem Tag gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland, deren Familien und Angehörigen. Der Tag ruft uns allen die grausamen Taten in Erinnerung, die unter einem totalitären Regime an Millionen Menschen überall und mitten unter uns in Deutschland verübt wurden. Damit ist dieser Tag  gleichsam ein Tag der Erinnerung an die Vergangenheit, Mahnung für die Zukunft und zugleich die Verpflichtung, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen. Das Thema ist leider auch heute noch aktuell: Im täglichen Leben begegnen uns noch viel zu oft Vorbehalte und Vorurteile gegen Menschen, die anders sind als der Durchschnitt der Gesellschaft. Egal, ob aufgrund eines außergewöhnlichen Aussehens oder einer inneren Haltung abseits des Mainstreams. Das muß sich in Zukunft ändern. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus muss uns allen daher Auftrag sein, für eine offene, freie und vielseitige Gesellschaft und ein friedliches Miteinander der verschiedenen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen zu kämpfen. Wenn große politische und wirtschaftliche Herausforderungen zur Verunsicherung beitragen, ist es umso wichtiger, unsere Werte zu betonen sowie Hetze und Extremismus entschlossen entgegenzutreten! Der Einsatz für eine Gesellschaft, in der Menschen verschiedenster Herkunft friedlich und ohne Angst leben können, ist Teil unserer historischen Verantwortung. Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus, Religions- und Demokratiefeindlichkeit dürfen in Deutschland keinen Platz mehr finden. Was damals geschehen ist, darf nie vergessen werden. Nie wieder darf Deutschland zu einem totalitären Staat werden.

Hintergrund

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus findet alljährlich am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung der Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch russische Soldaten statt. Auschwitz-Birkenau ist zum Symbol für den millionenfachen, industriell betriebenem Massenmord des NS-Regimes vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen und somit für das beispiellose Verbrechen der Shoah geworden. Dieser Tag erinnert an alle Opfer des Regimes in der Zeit von 1933 bis 1945: Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende sowie Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt wurden. Auschwitz ist eine stete Warnung davor, welches Leid aus Antisemitismus, Rassismus, Fanatismus und Ausgrenzung in letzter Konsequenz entstehen kann.

Der Holocaust-Gedenktag erinnert auch an die Opfer der „Euthanasie“

Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen gehörten zu den Verfolgten des Nationalsozialismus und galten als Belastung für die deutsche „Volksgemeinschaft“. Bis zu 400.000 Menschen wurden ab 1934 gegen ihren Willen sterilisiert, mehr als 200.000 in den damaligen Heil- und Pflegeanstalten ermordet. Dies geschah inmitten der deutschen Gesellschaft, verantwortet von Psychiatern, Neurologen, Kinder- und anderen Fachärzten, von Verwaltungsfachleuten und Pflegekräften. An die Opfer wollte nach 1945 für lange Zeit kaum jemand erinnern. Auch in vielen betroffenen Familien wurde ihre Geschichte verschwiegen.

Aus den schrecklichen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges haben Deutschland und Europa gelernt.

Die Menschen- und Bürgerrechte sind in den Verfassungen verankert. Presse- und Meinungsfreiheit sind für unsere parlamentarische Demokratie ein hohes Gut. Gerade in einer Zeit, in der der Rechtspopulismus erstarkt, ist es umso entscheidender, dass wir als Demokraten die zivilisatorischen Errungenschaften unserer Zeit verteidigen. Dass wir das europäische Friedensprojekt wertschätzen und es nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. „Jeder Angriff auf eine Minderheit ist ein direkter Angriff auf unsere Demokratie und damit auf jeden einzelnen Staatsbürger“, sagte Paul Spiegel, der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden. Noch im Jahr 2000 zeigte er sich in Berlin überzeugt, dass die Mehrheit in Deutschland Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ablehnt. Zugleich forderte er aber: „Diese Mehrheit darf nicht länger schweigen, sie darf nicht länger wegschauen, sie darf nicht länger die Vorgänge in unserem Land verharmlosen.“ Eine Forderung, die heute aktueller ist denn je. Wir erleben eine Zeit der Unsicherheit und einen Rechtsruck in der Gesellschaft. In diesen Zeiten muss die Zivilgesellschaft geschlossen zusammenstehen und eindeutig Position gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit beziehen.

Die Erinnerung an Auschwitz verpflichtet zum Handeln

Der Kampf gegen jede Form von Rassismus und Faschismus ist ein Auftrag, der angesichts der Eskalation des rechten Terrors in Deutschland und dem Erstarken des Rechtspopulismus weltweit, traurige Aktualität erlangt hat: Angriffe auf Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Religionsangehörigkeit, auf Flüchtlinge, Juden, Muslime, aber auch auf Obdachlose, Flüchtlingshelferinnen und -helfer, Antifaschistinnen und Antifaschisten und Linke sind, genau wie das Versagen von Politik und Behörden für Prävention, Schutz und Strafverfolgung zu sorgen, zum Alltag geworden. Die Zivilgesellschaft, aber vor allem die politisch Verantwortlichen müssen aufwachen und zur Kenntnis nehmen, dass der rechte Terror dramatische Ausmaße angenommen hat. Diese wachsenden rechtsextremen Strömungen und Parteien, wie die Identitären und die AfD, hinterfragen heute das Erinnern an die Opfer des Holocaust ebenso wie die historische Verantwortung. Auch rassistische und antisemitische Übergriffe häufen sich. Umso wichtiger ist es, die Opfer nicht vergessen zu lassen und sich gegen wieder aufkommenden Antisemitismus, Rechtsextremismus und Faschismus zu stellen.

Ausgrenzung und Stigmatisierungbekämpfen

Auch die derzeitige gesellschaftlichen Debatte führt uns deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, dass es die Verantwortung aller Demokraten ist, sich gegen rassistische und menschenfeindliche Parolen zu stellen und sich dieses Menschheitsverbrechens aktiv zu erinnern. Es ist auch der Tag der Erinnerung an die NS-„Euthanasie“-Opfer, an Zwangssterilisationen und grausamste Verbrechen an Menschen mit Behinderungen. Ausgrenzung und Stigmatisierung von Minderheiten müssen entschieden bekämpft werden. Niemand darf wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert, niemand wegen seiner sexuellen Orientierung oder Religionszugehörigkeit ausgeschlossen werden.

Holocaustgedenktag

Am 27. Januar wird der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter, dem Hungertod preisgegebenen Kriegsgefangenen, der Opfer staatlicher Euthanasie, der Homosexuellen, aller, die sich aus religiösen, politischen oder schlichtweg menschlichen Beweggründen dem Terror widersetzten und deswegen der totalitären Staatsgewalt zum Opfer fielen, gedacht. Seit 1996 ist er gesetzlich verankerter Gedenktag in Deutschland. 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar in einer Resolution offiziell zum International Holocaust Remembrance Day. 

Dokumente

Erklärung des UN-Generalsekretär António Guterres zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust - 27. Januar 2017

Heute gedenken wir der Opfer des Holocaust, einer beispiellosen Tragödie in der Geschichte der Menschheit. Die Welt steht in der Pflicht, in Erinnerung zu behalten, dass der Holocaust ein systematischer Versuch war, um das jüdische Volk und so viele andere Menschen auszulöschen.
Es wäre ein gefährlicher Irrtum zu glauben, dass der Holocaust Ergebnis des Wahnsinns einer Gruppe von kriminellen Nationalsozialisten war. Im Gegenteil, der Holocaust markiert den Höhepunkt von Jahrtausenden, die von Hass, Sündenbock-Denken und Diskriminierung gegenüber Juden geprägt waren, oder wie wir heute sagen: Antisemitismus. Es ist tragisch und widerspricht unserer Entschlossenheit, dass Antisemitismus weiterhin zu gedeihen scheint. Es ist auch äußerst beunruhigend, dass Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Hass gegen Muslime zunehmen. Unvernunft und Intoleranz leben wieder auf. Das alles steht in völligem Widerspruch zu den universellen Werten, die in der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte verankert sind. Wir dürfen niemals schweigen oder gleichgültig bleiben, wenn Menschen in Not sind. Wir müssen die Schwachen immer verteidigen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Und das Motto des diesjährigen Tages betont, dass eine bessere Zukunft von Bildung abhängt. Wir müssen aus den Schrecken des 20. Jahrhunderts lernen und dürfen Intoleranz im 21. Jahrhundert keine Stimme geben. Seien Sie sicher, dass ich als Generalsekretär der Vereinten Nationen an vorderster Stelle gegen Antisemitismus und alle anderen Formen des Hasses kämpfen werde. Lassen Sie uns eine Zukunft mit Würde und Gleichheit für alle aufbauen – und lassen Sie uns so der Opfer des Holocaust gedenken, die wir niemals vergessen werden.

Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth bei der Gedenkstunde am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27.01.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,
der niederländische Sinto Zoni Weisz sprach vor sechs Jahren in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag vom „vergessenen Holocaust". Und auch ich frage mich, warum dem Schicksal der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus in der breiten Öffentlichkeit bis heute so wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Auch deshalb bin ich als Vertreter der Bundesregierung heute an diesem besonderen Tag der Trauer und des Gedenkens zu Ihnen gekommen.
Seit fünf Jahren gibt es nun dieses Denkmal hier im Herzen Berlins, seit 27 Jahren begehen wir in Deutschland den Internationalen Holocaust-Gedenktag, mit dem wir an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau heute vor 72 Jahren erinnern. Das zeigt: Es dauert, es dauert bisweilen sogar sehr lange, bis wir zu einer Form des Gedenkens finden. Das bleibt für die Opfer und ihre Nachkommen verletzend und enttäuschend.
Dieses Denkmal steht symbolisch für die Anerkennung des Völkermords an den Roma und Sinti Europas im Nationalsozialismus. Mit diesem Denkmal bekennen sich Staat und Gesellschaft: Wir stehen zu unserer wechselhaften Geschichte – wir sparen ihre dunkelsten Kapitel nicht aus.
Wir können den Holocaust nicht ungeschehen machen. Aber wir sind es den Opfern schuldig, dass wir ihr Leid nicht aufwiegen, aufrechnen und relativieren. Denn das Leid, was von Deutschen und im deutschen Namen begangen wurde, ist unermesslich.
Wir können dabei mithelfen, dass sich das Unrecht, das geschehen ist, niemals wiederholt. Wir wollen die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wachhalten – nicht nur als Selbstzweck, sondern vor allem, um daraus die Lehren für eine bessere Zukunft zu ziehen. Zukunft braucht Erinnerung – beides gehört für mich untrennbar zusammen. Und jede Generation muss ihre eigene Form des Gedenkens finden. Das ist keine Bürde. Nein, es macht unsere Gesellschaft stark und sensibel gegenüber neuen Formen der Ausgrenzung und Unterdrückung.
Deutschland mit seiner tragischen Geschichte steht in besonderer Verantwortung für die heute in Europa lebenden 12 Millionen Sinti und Roma. Denn die über Jahrhunderte andauernde Ausgrenzung von Sinti und Roma fand im nationalsozialistischen Deutschland ihren barbarischen Höhepunkt. Und auch im Jahr 2017 sind die Vorurteile gegen die größte Minderheit Europas leider immer noch weit verbreitet.
Heute bekennt sich die Bundesregierung dazu: Der Platz von Sinti und Roma, die unseren Kontinent seit Jahrhunderten bereichern, ist in der Mitte, nicht am Rand unserer Gesellschaft. Wir kämpfen dafür, dass den Sinti und Roma endlich das zuteilwerden lässt, was ihnen zusteht – nämlich Würde, Achtung und die faire Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.
Entschlossen kämpfen wir gegen jegliche Form der Ausgrenzung und Diskriminierung – gegen Antiziganismus, gegen Antisemitismus und auch gegen Islamophobie. In diesem Einsatz sind wir alle vereint: Bürgerinnen und Bürger gleich welchen Alters, welcher Herkunft, Überzeugung oder Religion auch immer. Alle demokratischen Kräfte müssen sich diesen menschenfeindlichen Strömungen entschieden entgegenstellen! Alles andere wäre eine Schande!

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier am 27.01.2017:

Heute vor 72 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Der Name Auschwitz und dieser Tag stehen für alle Todeslager und die gesamte nationalsozialistische Verfolgungs- und Ermordungsmaschinerie und damit für einen furchtbaren, unvergessenen, auf immer gegenwärtigen Teil der Geschichte unseres Landes.
Wir können, was geschehen ist, nicht ändern oder rückgängig machen. Uns ist aber Auftrag und Verpflichtung die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah, das Gedenken an die Opfer und die Verantwortung, die uns heute daraus erwächst.
Zumal in unseren Zeiten, in denen manche Gewissheit zu schwinden scheint, und einer Welt, die uns unsicher, ruhelos und ungeordnet vorkommen mag, sind Tage wie der heutige, ist die bewusste Besinnung auf unsere Geschichte von großer Bedeutung.
Was uns die Geschichte aufgegeben hat, ist Lehre, Mahnung und Ansporn zugleich. Das Erinnern hat kein Ende und darf es auch nicht haben.

27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2017 - Ansprache von Dr. Hartmut Traub:

Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Lebensläufe haben ein langes Gedächtnis – persönliche Biografien ebenso wie gemeinsame Geschichte. Was sich an Erfahrungen in ihnen aufbewahrt, kann im Laufe der Zeit überlagert, vertuscht, verdrängt, verdreht oder gar totgeschwiegen, nicht aber ungeschehen gemacht werden.

Erinnern ist mehr als bloßes Zur-Kenntnis-Nehmen. Wer sich erinnert oder erinnert wird, dem werden Ereignisse und Erfahrungen persönlicher und kollektiver Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen, seien sie freudvoll oder schmerzlich. "Er-innern" – so sagt es das Wort – geht uns innerlich an, es betrifft uns. Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit. Manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt.

70 Jahre nach dem Tod von Benjamin Traub, meinem Onkel, wandelte sich mein abstraktes Wissen über dessen Schicksal, veranlasst durch einen äußeren Anstoß, zu einer konkreten Erinnerung, einer Erinnerung an dessen Lebens- und Leidensgeschichte. Angeregt durch die Aktion "Stolpersteine" ging ich zwei Jahre auf Spurensuche: in Fotoalben, in Gesprächen, in Tagebüchern, in Archiven, in persönlichen und öffentlichen Dokumenten. Am Ende dieser Erinnerungsarbeit standen Erfahrungen und Einsichten, aber auch Fragen über meine Familie und über unser Land, die mein Leben verändert haben.

"Das Denken an vergangene Angelegenheiten", schreibt Hannah Arendt "bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu stabilisieren, so dass man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt wird."

Benjamin Traub wurde am 25. November 1914 als jüngster Bruder meines Vaters in Mülheim an der Ruhr geboren. Er war ein freundliches, intelligentes und musisch talentiertes Kind. Beni, wie ihn die Familie nannte, war ein guter Schüler, er engagierte sich in der Gemeindearbeit, er war bei Nachbarn, Freunden und Bekannten beliebt. Musiker wollte Beni werden. Jedoch: Im Jahr 1931 verletzte er sich mit einem Beil an der Hand. Der Schlag, der einen Holzscheit treffen sollte, trennte ein Glied seines Fingers ab. Ein traumatisches Erlebnis, das eine Krise bei dem Jungen auslöste. Seine Selbsttötungsversuche und hysterischen Anfälle konnte die Familie schließlich nur noch mit psychiatrischer Hilfe bewältigen. Im August 1931 wies man ihn mit der Diagnose "Jugendschizophrenie" in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau am Niederrhein ein.

Benjamins Erkrankung fiel historisch in eine politische Umbruchphase der deutschen Geschichte, an deren Ende die Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler und damit der Beginn der Herrschaft des Nationalsozialismus standen. Bereits am 1. Januar 1934 waren Hitlers rassistische Ideen zur "Erbgesundheit im Dienst der Rassenhygiene" Gesetz. Dies zielte darauf ab "mit modernsten ärztlichen Mitteln ..., was irgendwie ersichtlich krank und erblich belastet und damit weiter belastend ist, zeugungsunfähig zu erklären und dies praktisch durchzusetzen."

Im Jahre 1939 teilte Hitler dem Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, Karl Brandt, mit, dass "er nun eine bestimmte Lösung der Frage Euthanasie" durchführen wolle. Diese sogenannte Lösung erweiterte "die Befugnis namentlich zu bestimmender Ärzte so …, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankenzustandes der Gnadentod gewährt werden" konnte.

Ab 1939 organisierte die "Aktion T4" in sechs über das Reichsgebiet verteilten Tötungsanstalten die massenhafte Ermordung von Menschen mit körperlichen Behinderungen, seelischen und geistigen Erkrankungen. Durch massive Propaganda wurde eine öffentliche Meinung gebildet, der zufolge diese Kranken dem Staat und der Gesellschaft ökonomische Ressourcen entzögen, die an anderer Stelle dringend benötigt würden. Man nannte sie "Ballastexistenzen" – "lebensunwertes Leben".

Nach den Kriterien von "T4" gehörte mein Onkel zum Kreis der Patienten, der für die Selektion und den Abtransport in eine Tötungsanstalt vorgesehen war. In einem Sonderabteil der Reichsbahn brachte man ihn am 13. März 1940, mit weiteren 60 männlichen Patienten, von Bedburg-Hau in die Anstalt Weilmünster in Hessen – eine Durchgangsstation, die der Tötungsanstalt von Hadamar als Zwischenanstalt diente. Exakt ein Jahr lebte und arbeitete Benjamin in dieser Anstalt, die eher einer Vorhölle denn einer psychiatrischen Klinik glich.

13. März 1941: Für 64 Patienten der "Heilanstalt" Weilmünster ist das der letzte Tag ihres Lebens. Alle möglichen Gründe für eine Zurückstellung von der Todesliste zählen nicht mehr. Das System der Mordmaschinerie von "T4" nähert sich bei ihnen seinem politisch gesteckten Ziel: "Ausmerze im Dienst der Rassenhygiene". Auch diese letzte Stufe der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" ist von den Konstrukteuren der "T4-Aktion" bis ins Detail durchorganisiert. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", schreibt Paul Celan in seiner "Todesfuge" von 1952. Und dieser Tod ist ein besonderer.

Auf dem Hof von Weilmünster warten die grauen Busse der "Gemeinnützigen Krankentransport GmbH", einer Unterabteilung von "T4", um die Todeskandidaten aufzunehmen. Während sie sich, wie der Anstaltsleiter später zu Protokoll geben wird, auf einen Ausflug freuen, ihn gar auffordern, einzusteigen und mitzufahren, ist in der Tötungsanstalt Hadamar alles auf die Ankunft der Neuen vorbereitet. Für das examinierte Pflegepersonal der "Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege" ist dieser Tag – für uns ist das unvorstellbar – ein "normaler" Arbeitstag: Menschen-Vernichtungs-Routine, durchgeführt an 60 Patienten täglich – und das bereits seit mehreren Monaten.

Arglos steigen Benjamin und seine Schicksalsgenossen in Weilmünster in die Busse. Etwa 30 Kilometer geht die Fahrt durch die Hügellandschaft des Taunus in Richtung Westen. Nach etwa einer Stunde erreichen sie Hadamar. Die Busse parken in der Garagenhalle der Anstalt ein. Die Tore werden geschlossen. Jetzt erst dürfen die Insassen aussteigen. Ihre Ankunft wird abgeschirmt. Eine Flucht ist unmöglich. Durch einen eigens zu diesem Zweck gebauten Schleusengang gelangen sie aus der Garage direkt ins Hauptgebäude.

Aufnahmeuntersuchung: Entkleidung, Vorstellung beim Arzt, Verabreichung von Beruhigungsmitteln, Einsichtnahme in die Krankenakte, Fotos, Vermerke – Anstaltsalltag, wie es scheint. Nur das, was vermerkt wird, verrät, worum es hier wirklich geht, nämlich um die Feststellung einer tödlichen Krankheit für den Totenschein, die sich aus der Krankenakte erklären lässt, des Weiteren die Registrierung von Goldzähnen und um Hinweise auf sogenannte "wissenschaftlich interessante Krankheitsfälle".

Die Untersuchung ist beendet. Aber vor dem Ankleiden noch in die Dusche. "Pfleger" treiben die Gruppe über eine schmale, dunkle Treppe hinab in die "Duschkabine" im Keller – eine etwa drei mal fünf Meter große, weiß geflieste Kammer.

Benjamin steht nun mit 63 nackten Männern auf engstem Raum. Die Türe wird geschlossen. Was mag in den eingepferchten Menschen vor sich gehen? Angst, Panik? Was hören sie? Was riechen sie? Mit wem stehen sie dicht bei dicht? Viel Zeit, zu reagieren, haben sie nicht.

Der diensthabende Arzt, Dr. Günter Hennecke, öffnet das Ventil der außerhalb des Raums deponierten Gasflasche. Aus der zweckentfremdeten Wasserleitung der "Duschkabine" strömt Kohlenmonoxid. Benjamin wird es übel. Er verliert das Bewusstsein. Nach wenigen Minuten sind er und seine 63 Leidensgenossen am Gas erstickt.

Durch ein Kontrollfenster bewacht das Personal den Ablauf des Massenmords. Was sie sehen, geben sie später zu Protokoll: "Durch ein Guckloch konnte ich beobachten, dass nach etwa einer Minute die Menschen umkippten oder auf Bänken lagen. Es haben sich keinerlei Szenen oder Tumulte abgespielt. Nach weiteren fünf Minuten wurde der Raum entlüftet."

Das "technische Personal" schleift nun die toten Körper aus der Gaskammer. Im Sezierraum werden den vorher registrierten Goldzahnträgern die Goldzähne gezogen. Den sogenannten "wissenschaftlich interessanten Fällen" wird das Gehirn entnommen.

Unterdessen haben die "Brenner", die Männer an den beiden Krematoriumsöfen von Hadamar, mit ihrer Arbeit begonnen.

Hubert Gomerski, "Brenner" in Hadamar und später im Juden-Vernichtungslager Sobibor, berichtet bei seiner Vernehmung im Februar 1947: "Dann habe ich geholfen Leichen zu verbrennen. ... Es waren ungefähr 40 bis 60 Stück. Auf einer blechernen Tragbahre wurden sie zum Ofen gebracht. Es dauerte ungefähr 30 bis 40 Minuten, bis eine Leiche verbrannt war. Es wurde tags und nachts gearbeitet, bis die Leichen weg waren."

Auch Benjamins lebloser Körper wird am 13. März 1941 aus der Gaskammer in das Krematorium geschleift und dort verbrannt.

Im Rahmen der zentralisierten Massenmordaktion von "T4" wurden im Vernichtungskeller von Hadamar von Januar bis August 1941 10.113 Männer, Frauen und Kinder mit Gas umgebracht und in den beiden Öfen des Krematoriums verbrannt.

Über der Stadt Hadamar stand über sechs Monate lang – gut sichtbar – die dunkle Rauchsäule aus dem Krematorium der Tötungsanstalt auf dem Mönchberg.

27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2017 - Ansprache von Sigrid Falkenstein:

Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es fällt schwer, danach weiterzusprechen.

"Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern."

Diese Botschaft hat mir die Autorin und Bildhauerin Dorothea Buck mit auf den Weg gegeben. Dorothea, die im April 100 Jahre alt wird, war 19, als man sie als angeblich "erbminderwertigen" Menschen zwangssterilisierte. Sie ist bis heute eine unermüdliche Kämpferin für eine menschliche Psychiatrie. Meine Hochachtung!

Es ist nun an uns Nachgeborenen, die Erinnerung wachzuhalten, denn es gibt kein Verständnis für Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit.

Hunderttausendfacher Massenmord an wehrlosen kranken und behinderten Menschen, ausgeführt von denjenigen, die sie schützen, heilen und pflegen sollten! Die Opfer waren keine anonyme Masse. Es waren einzelne Menschen, die lachten oder weinten, fröhlich oder traurig waren und wie wir alle Hoffnungen und Träume hatten. Die Erinnerung an sie war jahrzehntelang ausgelöscht, auch in vielen Familien. Das war Spiegel – wir haben es gehört – eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von Verdrängen, Vertuschen und Verleugnen der Verbrechen.

Es war ein Schock für mich, als ich 2003 per Zufall den Namen meiner Tante Anna Lehnkering auf einer Liste von Opfern der "Euthanasie" im Internet fand. Als ich meinen Vater, Annas jüngeren Bruder, mit dieser Entdeckung konfrontierte, bemühte er sich um Antworten, aber der Erinnerungsprozess schien schwierig und schmerzhaft zu sein. Nun sprach er zum ersten Mal über seine Schwester: "Aenne", so nannte er sie "war so ein liebes, sanftmütiges Mädchen. Sie hat so gerne mit uns Kindern gespielt. Ja, das Lernen ist ihr schwergefallen." Ihre Spur verlor sich dann in Formulierungen wie: "Sie wurde irgendwann in den 30er Jahren in irgendeine Anstalt gebracht und ist irgendwo während des Krieges gestorben."

Fassungslos über dieses scheinbare Vergessen begab ich mich auf Spurensuche und rekonstruierte Annas Biografie aus dem sehr bruchstückhaften Familiengedächtnis und vor allem mithilfe von Patientenakten und amtlichen Dokumenten.

Anna kam 1915 im Ruhrgebiet zur Welt. Laut Akte entwickelte sie sich bis zu ihrem vierten Lebensjahr normal. Dann bemerkten die Eltern, dass sie sehr schreckhaft, ängstlich und unruhig wurde. Ein Arzt stellte fest: "Das Kind ist sehr nervös und bedarf guter Ernährung und viel Ruhe."

Über Annas schulischen Werdegang heißt es: "Wurde von der Volksschule nach kurzer Zeit der Hilfsschule überwiesen. Versteht alles, was man ihr sagt. … ist charakterlich gutmütig, willig, folgsam und verträglich. Kann lesen, schreiben und rechnen, das letztere nur sehr schlecht."

Aufgrund ihrer Lernbehinderung kann Anna keine Berufsausbildung machen. Doch, so heißt es in der Akte: "Zu Hause kann sie ganz gut mithelfen. Kann auch Besorgungen und Einkäufe erledigen." Nach der Schulzeit lebt sie also weiter zu Hause und hilft ihrer Mutter im Haushalt. Meine Großeltern haben eine Gastwirtschaft betrieben. Da gab es eine Menge Arbeit zu tun.

Ich fand nur wenige Fotos von Anna. Eins gefällt mir besonders gut, weil sie darauf so unbeschwert in die Kamera lacht. Es fällt sehr schwer, eine Verbindung zwischen diesem jungen Mädchen und dem kurz darauf erlassenen "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" herzustellen.

Das hatte zur Folge, dass Anna sich 1934 einer fragwürdigen Intelligenzprüfung unterziehen muss. Begriffe wie "Treue", "Frömmigkeit", "Ehrerbietung" kann sie nicht erklären, aber sie kennt die Preise der gebräuchlichen Lebensmittel, sie kennt die verschiedenen Geldsorten – was doch viel wichtiger ist. Und als sie gefragt wird: "Was darf man mit gefundenen 500 Mark machen?", antwortet sie ganz lebenspraktisch: "Auf dem Amt abgeben."

Das Ergebnis der amtsärztlichen Untersuchung lautet, dass es sich in Annas Fall um "angeborenen Schwachsinn" handele, eine damals übliche Bezeichnung für geistige Behinderung. Damit gilt sie nach der Erb- und Rassenideologie als "Schädling im gesunden Volkskörper".

Anna ist eine von mehreren Hunderttausend Menschen, die zwangssterilisiert werden, weil sie einfach nicht der gewünschten gesellschaftlichen Norm entsprechen, weil sie "anders" sind. Viele von ihnen sind übrigens später in den "Euthanasie"-Aktionen ermordet worden.

1936 erfolgt Annas Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Die Einträge in der Patientenakte sind in einer menschenverachtenden Sprache verfasst. Man kann eigentlich nur zwischen den Zeilen lesen, wie sehr und wie verzweifelt sie gekämpft und gelitten hat. Am Ende erinnert nichts mehr an das junge Mädchen, das nur wenige Jahre zuvor so fröhlich und so lebensbejahend in die Kamera geschaut hatte.

Ihr Todesurteil ist ein bürokratischer Akt. Sie erfüllt die Selektionskriterien ihrer Mörder sozusagen perfekt: Gilt als unheilbar, ist "lästig" – so steht es wörtlich in ihrer Akte - und vor allem leistet sie keine produktive Arbeit, ist also eine sogenannte "nutzlose Esserin", als "lebensunwert" zur Vernichtung bestimmt.

Im März 1940 wird Anna im Rahmen der "Aktion T4" nach Grafeneck deportiert. Grafeneck – Ort, an dem die systematisch-industrielle Vernichtung von Menschen begann, die letztlich in den Holocaust mündete. Anna ist 24 Jahre alt, als sie dort in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet wird.

Wochen später erhält ihre Mutter einen sogenannten Trostbrief, in dem Todesursache und Todeszeitpunkt gefälscht sind. Ob sie wirklich geglaubt hat – vielleicht glauben wollte –, dass der Tod, so wie im Brief vorgetäuscht, bei der angeblich "schweren unheilbaren Erkrankung" ihrer Tochter eine "Erlösung" bedeutet hat? Ich weiß es nicht.

Bis 2003 sprach niemand in unserer Familie über Anna. Die Sprachlosigkeit hatte vermutlich viel mit Scham zu tun. Abwertung und Ausgrenzung psychisch kranker und behinderter Menschen gehörten zu den Lebenserfahrungen meines Vaters, die ihn sehr geprägt haben. Seine gesamte Familie war in die Maschinerie der Erbgesundheitspolitik geraten. Das belegt zum Beispiel eine Sippentafel, in der 24 Familienmitglieder erfasst sind. Körperbautypen, körperliche und seelische Erkrankungen sowie soziales Verhalten werden aufgelistet. Die absurde Aufzählung der Charaktereigenschaften reicht von "liederlich", "leichtsinnig", "eigenartig" bis hin zu "gutmütig" und "intelligent". Außer Anna werden noch andere Verwandte der "erblichen Minderwertigkeit" verdächtigt. Ein Verwandter wird ebenfalls zwangssterilisiert. Es ist offensichtlich, dass die Informationen zum Teil auf Denunziation und Hörensagen beruhen.

Egal wie wahr oder unwahr diese Eintragungen sein mögen, für mich zeigt die Sippentafel, dass meine Familie eine bunte Mischung von Individuen ist, mit verschiedenen Anlagen, Fähigkeiten und Neigungen, natürlich geprägt von zahlreichen äußeren Einflüssen. Und wie in jeder Familie gibt es Mitglieder, die gesundheitliche Schwächen haben. Das ist kein Makel! Das ist weder ein Grund zur Scham noch zum Verschweigen und schon gar keine Rechtfertigung für das unermessliche Leid, das den Opfern zugefügt wurde.

Das sagt sich für mich heute so leicht. Für die Generation der unmittelbar Betroffenen sah das anders aus. Die Opfer, die Überlebenden und ihre Familien wurden auch nach Kriegsende in beiden deutschen Staaten weiterhin diskriminiert und stigmatisiert. Im Gegensatz dazu konnten die Täter in den meisten Fällen ihre Karrieren unbehelligt fortsetzen. Die gesellschaftliche, juristische und politische Aufarbeitung geschah äußerst stockend und völlig unzureichend. Die Opfer von "Euthanasie" und Zwangssterilisation waren nicht nur jahrzehntelang vom öffentlichen Gedenken ausgeschlossen. Nein, eine Anerkennung als NS-Verfolgte und eine Gleichstellung mit anderen Verfolgtengruppen werden ihnen bis heute versagt.

Die Folge von all dem war und ist in vielen Familien ein Teufelskreis aus Schweigen, Verdrängen und Tabuisierung des Themas, verbunden mit Unsicherheit und Scham, ja, manchmal vielleicht auch mit Schuldgefühlen. Hatte es an der Bereitschaft, am Mut oder an der Möglichkeit gefehlt, die Tochter, den Sohn, die Schwester, den Bruder vor der Mordbürokratie zu bewahren? Meine Großmutter litt später an schweren Altersdepressionen. Es ist zu vermuten, dass das Verdrängen ihrer traumatischen familiären Erfahrungen eine große Rolle dabei spielte. Schweigen macht krank. Es kann helfen, über das Erlebte zu sprechen.

2009 wurde ein Stolperstein für Anna verlegt. Ich spürte damals die Aufregung meines fast 90-jährigen Vaters, als er sich da der Öffentlichkeit stellte, ganz blass vor Anspannung und sehr um eine aufrechte Haltung bemüht. Am Tag der Stolpersteinverlegung bekannte er erstmalig: "Ich hatte eine Schwester, die geistig behindert war." Er starb nur wenige Wochen danach, und es ist ein tröstlicher Gedanke, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit für ihn nicht nur belastend, sondern ein Stück weit befreiend war. Ich wünschte, er würde noch leben und das hier erleben. Es hätte ihm so geholfen.

Anna ist unvorstellbares Unrecht geschehen – das Totschweigen ihrer Vernichtung ist Teil dieses Unrechts. Sie hat heute einen festen Platz im Familiengedächtnis. Das war unter anderem möglich, weil ich ihren Namen auf einer nach deutschem Recht illegalen Liste gefunden habe. Noch immer erschwert die Gesetzeslage die öffentliche Nennung der Namen von "Euthanasie"-Opfern. Eine der Begründungen lautet, Familienangehörige könnten sich stigmatisiert fühlen. Ich bitte Sie! Das ist eine Argumentation, die an rassenhygienische Denkmuster anknüpft! Es ist an der Zeit, diese unheilvolle Kontinuität zu durchbrechen und die Namen der Opfer zu nennen, um sie ins familiäre und kollektive Gedächtnis zu holen. Es wäre zugleich ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen, die heute von Behinderung oder psychischer Erkrankung betroffen sind.

Es gibt inzwischen zahlreiche positive Anzeichen für eine Änderung der deutschen Erinnerungskultur. Davon zeugen die Gedenkstätten an den Orten der Tötungsanstalten, der Erinnerungsort an der Tiergartenstraße 4, das Bemühen um Aufarbeitung innerhalb der Ärzteschaft, zahlreiche bürgerschaftliche Initiativen und vieles mehr. All das ermutigt auch immer mehr Menschen, ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten und ihren ermordeten Verwandten Namen und Gesicht zurückzugeben.

Auch in der Politik findet die Forderung nach Würdigung der "Euthanasie"-Opfer zunehmend Gehör. Das zeigt nicht zuletzt die heutige Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Es ist ein besonderes, ja vielleicht historisches Ereignis, dass wir an diesem für unsere Geschichte so bedeutsamen Ort an Ernst Putzki, Benjamin Traub und Anna Lehnkering erinnern. Wir nennen ihre Namen stellvertretend für die vielen namenlosen Opfer und geben ihnen damit etwas von ihrer Identität und Würde zurück. Ein Akt später Gerechtigkeit – für die Opfer nur noch ein symbolischer Akt!

Was also bleibt außer Gedenken und Trauer?

Es ist wichtig, viele Geschichten wie die von Anna, Benjamin und Ernst zu erzählen, denn es sind Einzelschicksale, die abstraktes historisches Geschehen begreifbar machen, im besten Fall die Herzen der Menschen berühren und etwas in den Köpfen bewegen. Ich erzähle Annas Geschichte, damit wir genau hinsehen, hinhören und widersprechen, wenn einzelne Menschen oder Gruppen nach ihrer Nützlichkeit, nach ihrem vermeintlichen Wert oder Unwert bemessen werden. Und da geht es nicht nur um behinderte Menschen oder kranke Menschen. Ich erzähle Annas Geschichte, weil sie uns Orientierung geben kann bei der Gestaltung einer Gesellschaft, die Respekt hat vor dem Leben in all seiner Verschiedenheit und Unvollkommenheit.

In diesem Sinne möchte ich schließen mit den Worten von Max Mannheimer, einem Überlebenden der Shoah, der im letzten Jahr verstorben ist:

"Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Ich danke Ihnen.

27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2017 - Vortrag eines Briefes von Ernst Putzki durch den Schauspieler Sebastian Urbanski:

Liebe Mutter!

Wir haben heute schon 4 Jahre Krieg und den 3.9.1943. Wir geben Nachrichten! Euer Brief kam am Sonntag d. 22.8. hier an. Die Stachelbeeren bekam ich nicht. Das angekündigte Paket erhielt ich erst gestern und wurde wahrscheinlich zu Fuß hierhin gebracht. Der Inhalt, 2 Pfund Äpfel u. eine faule matschige Masse von stinkenden [sic] Birnenmus[,] wurde mit heißhunger überfallen. Um eine Hand voll zu faulem Zeug rissen sich andere Todeskandidaten drum. Meine Schilderungen aus Wunstorf wurden nicht geglaubt aber diese hier muß man glauben weil sich jeder von der Wahrheit überzeugen kann. Also: Nachdem ich an Paul 2, an Paula 1 Brief von Warstein schrieb, schickte ich Dir 6 Tage vor dem Transport die Nachricht von unserer Übersiedlung nach hier und bat noch um Deinen Besuch. Der Transport war am 26. Juli und ich bin Montag genau 6 Wochen hier.

Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige. Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg. Die Bilder aus Indien oder Rus[s]land von verhungerten Menschen, habe ich in Wirklichkeit um mich.

Die Kost besteht aus täglich 2 Scheiben Brot mit Marmelade, selten Margarine oder auch trocken. Mittags u. abends je ¾ Liter Wasser mit Kartoffelschnitzel u. holzigen Kohlabfällen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann so auch rohe Kartoffel und Runkel, ja wir wären noch anderer Dinge fähig zu essen wie die Gefangenen aus Rus[s]land[.] Der Hungertot sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß wer der Nächste ist. Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern. Wir leben in verkommenen Räumen ohne Radio, Zeitung und Bücher, ja, ohne irgend eine Beschäftigung. Wie sehne ich mich nach meiner Bastelei. Wir essen aus kaputtem Essgeschirr und sind in dünnen Lumpen gekleidet in denen ich schon mehr gefrohren [sic] habe wie einen ganzen Winter in Hagen. Vor 5 Wochen haben wir zuletzt gebadet und ob wir in diesem Jahre noch baden, wissen wir nicht. Alle 14 Tage gibt es ein reines Hemd u. Strümpfe. Das ist Sozialismus der Tat.

Euer Ernst

27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2017 - Ansprache des Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Frau Bundesratspräsidentin!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Exzellenzen!
Verehrte Gäste!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es ist heute fast auf den Tag genau 75 Jahre her, dass 15 hochrangige Vertreter des Naziregimes in einer Berliner Villa im Westen der Hauptstadt zusammenkamen, um mit unfassbarer Menschenverachtung den millionenfachen Mord an den europäischen Juden möglichst effizient zu organisieren, der damals längst beschlossen war und auch seit langem begonnen hatte. Hermann Göring hatte Reinhard Heydrich beauftragt "in Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlass vom 24.1.39 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung zuzuführen" und "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa."

Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 spiegelt jene zynisch technokratische Unmenschlichkeit und ideologisch verbrämte Barbarei wider, die neben Juden auch andere Gruppen unschuldiger Menschen traf. Ihrer, der Millionen Entrechteter, Gequälter und Ermordeter, gedenken wir heute: der Sinti und Roma, der Millionen versklavter Slawen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Christen, der Zeugen Jehovas, all derer, die wegen ihrer religiösen und politischen Überzeugungen von der nationalsozialistischen Ideologie zu Feinden erklärt, verfolgt und vernichtet wurden. Wir erinnern auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten.

Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber "Lebensunwerten", die im sogenannten "Euthanasie"-Programm ermordet wurden: 300.000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält. "Die Barbarei der Sprache ist die Barbarei des Geistes", hat Dolf Sternberger einmal geschrieben, der bereits 1945 ein "Wörterbuch des Unmenschen" zusammengetragen hat. Und tatsächlich: Die "Euthanasie" begann mit der denunziatorischen Entmenschlichung ihrer Opfer, die als "nutzlose Esser", "seelenlose menschliche Hüllen" verunglimpft wurden und – in den Worten der Täter – der "Ausmerzung" bedurften. "Die Barbarei der Sprache ist die Barbarei des Geistes" – aus Worten wurden Taten.

Zwischen "Euthanasie" und dem Völkermord an den europäischen Juden bestand ein enger Zusammenhang. Als "Probelauf zum Holocaust" gilt das Töten durch Gas, das zuerst bei den "Euthanasie"-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde. Und auch personell gab es bedrückende Kontinuitäten: Über 100 Ärzte, Pfleger und sonstige Beteiligte an den Krankenmorden, deren erste Phase 1941 geendet hatte, setzten ihr Tun bruchlos in den Vernichtungslagern für KZ-Häftlinge fort.

Der Begriff "Euthanasie" – "schöner Tod" – ist keine Erfindung der Neuzeit. Er findet sich bereits in der Antike und beschreibt verharmlosend die Tötung von als nicht lebenswert eingestuften Menschen. Über evolutionsbiologische Betrachtungen des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff in der sogenannten Rassenhygiene beziehungsweise Eugenik weiter, und zwar in vielen Ländern. Demnach waren es sich vermeintlich "fortgeschrittene" Völker angeblich schuldig, ihre sogenannte "erbbiologische Substanz" zu bewahren, um im behaupteten "Kampf ums Dasein" zu bestehen. Sollten am Anfang nur die Gesunden und Starken gefördert werden, wurden zunehmend Stimmen laut, die Kranken und Schwachen das Lebensrecht absprachen. Die Zahl der Euthanasiebefürworter nahm nach dem Ersten Weltkrieg drastisch zu, selbst in den liberalen USA. Dass auch hier Ärzte, Richter und Politiker Überlegungen zur Eugenik anstellten, diente noch bei den Nürnberger Prozessen deutschen Verteidigern als Argument zur Entlastung ihrer Mandanten.

Aber es gibt natürlich einen wesentlichen Unterschied zwischen dieser Debatte und dieser Vorstellung in Deutschland und anderswo. Während es zwar auch in anderen Ländern zu entwürdigenden Eingriffen kam, aber eben nicht zu vorsätzlichen, schon gar systematischen Tötungen, fielen in Deutschland die letzten Hemmungen, folgte hier hunderttausendfacher Mord.

Die Vorbereitungen begannen schon 1933. Bereits das in diesem ersten Jahr der NS-Diktatur erlassene "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" gestattete brutale Eingriffe in die Würde von behinderten Menschen. Dazu zählten Zwangssterilisierungen, die in nicht wenigen Fällen zum Tod des Patienten führten und die späteren systematischen Mordaktionen bereits ahnen ließen. Diese setzten mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein, als Ärzte und Pflegepersonal begannen, geistig Behinderte und pflegebedürftige Menschen, Kriegsinvalide und psychisch kranke Soldaten mit Gas zu ersticken. Den Kreis der Opfer dieser Eskalation, in der der Tod auch durch Verhungern, falsche Medikamente und das Setzen von Giftspritzen herbeigeführt wurde, zogen die Täter während des Krieges immer weiter. Zuletzt brachten sie alle Menschen um, denen Hitler und seine Mittäter sogenanntes abweichendes Verhalten attestierten, darunter Nichtsesshafte, Unangepasste, Querulanten, Regimegegner, Kriegsgefangene.

Das Morden ging nach Kriegsende weiter: Ärztliche Überzeugungstäter in Anstalten wie Kaufbeuren oder Irsee konnten ihr zynisches Treiben bis Juli 1945 fortsetzen, indem sie die Besatzungsmächte mit der am Eingang plakatierten Falschmeldung "Typhus" davon abhielten, die Anstalten zu betreten. Dies gehört zu den vielen empörenden Aspekten der "Euthanasie", die kaum ins kollektive Gedächtnis gelangt sind, ebenso die Tatsache, dass diese Verbrechen mitten in Deutschland verübt wurden. In Dutzenden sogenannter Heil- und Pflegeanstalten mordete das medizinische Personal, am schlimmsten in den sechs Vergasungseinrichtungen Hadamar in Nordhessen, Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Sonnenstein bei Pirna und Hartheim bei Linz in Österreich. Dorthin wurden die Patienten verbracht, die ärztliche Gutachter zur gezielten Tötung selektiert hatten.

Aufbegehren gegen die systematische Tötung vermeintlich "lebensunwerten" Lebens gab es wenig – wohl auch deshalb, weil Angst und Scham gegenüber vermeintlicher "Abnormität" verbreitet waren und von der bequemen Schutzbehauptung unterstützt wurden, die Betroffenen empfänden ihr Dasein selbst als Qual und man täte ihnen einen Gefallen, behauptetes Leid zu beenden. Wer so dachte, brauchte kein Mitgefühl und machte sich uneingestanden zum Komplizen der Täter.

Nennenswerter Widerstand ging allein von Menschen aus, deren Mitgefühl stärker war als ihre Berührungsangst gegenüber Menschen mit Behinderungen. Dies waren einzelne Richter und Angehörige der Opfer, vor allem aber einzelne Vertreter der christlichen Kirchen. Die Namen des Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen oder des evangelischen Landesbischofs von Württemberg Theophil Wurm stehen für diejenigen, die aus Nächstenliebe handelten und den Mut hatten, sich dem inhumanen Zeitgeist zu widersetzen. Widerstand war gefährlich, aber er war möglich! Und er blieb auch nicht folgenlos. Direkt nach Galens Predigten wurde die "Aktion T4" - die offizielle erste Phase der Tötungen - im August 1941 eingestellt. Dass die Morde dezentral als sogenannte "wilde Euthanasie" weitergingen, schmälert den Rang des Widerstandes nicht. Aber es bleibt die quälende Frage, was hätte verhindert werden können, wenn mehr Menschen aufbegehrt und zu ihren eigenen ethischen Prinzipien gestanden hätten.

Seit der Antike verpflichtet der Eid des Hippokrates Ärzte auf das Wohl ihrer Patienten. "Ich schwöre", heißt es dort, "dass ich nach meinem Vermögen und Urteil … Verordnungen … treffen [werde] zum Nutzen der Kranken …, mich davon fernhalten [werde], Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht. … In welches Haus immer ich eintrete, eintreten werde ich zum Nutzen der Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung …"

In grausamem Gegensatz dazu steht die Beteiligung deutscher Mediziner am Holocaust und an der Ermordung von kranken und behinderten Menschen. Willkür, Unrecht und die willentliche Schädigung von Schutzbefohlenen bestimmten das ärztliche Handeln. Die nationalsozialistische "Euthanasie" pervertierte den hippokratischen Eid, weil die Morde heuchlerisch damit begründet wurden, sie dienten dem allgemeinen Wohl, auch dem der Patienten. In Wahrheit wurden "Ärzte zu Henkern", wie Thomas Mann es ausdrückte. Sie betrieben medizinische Versuche an Kleinkindern und Erwachsenen und verübten Massenmord aus Überzeugung, ohne Achtung für die Opfer.

Nach 1945 wurde nur ein kleiner Teil beteiligter Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern vor Gericht gestellt, nicht wenige erst Jahrzehnte nach der Tat. Viele Verfahren endeten wegen Verjährung oder dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten mit Freisprüchen. Bedenkt man, dass als Spätfolge der NS-Todesmaschinerie in manchen Anstalten noch 1948 die Sterberaten bei über 30 Prozent und damit weit über dem Normalwert lagen, wirkt die Milde der Justiz auch heute schlicht und einfach empörend.

Erschütternd ist auch die jahrelange Gleichgültigkeit in Wissenschaft, Medien und Politik. Eine Aufarbeitung fand lange Zeit nicht statt. Im Gegenteil: Ehemalige Täter wurden zu Ordinarien befördert, mit Verdienstkreuzen geehrt, ihre Taten verdrängt und die Opfer vergessen. Auch hier gilt Scham wohl als wesentliches Motiv, Scham darüber, Schreckliches getan, zugelassen oder gebilligt zu haben. Wegen solcher Verdrängung und Verleugnung dauerte es Jahrzehnte, bis ein Sinneswandel einsetzte. Erst 2007 ächtete der Deutsche Bundestag das Zwangssterilisationsgesetz des NS-Regimes, und nicht vor 2011 konnten wir uns dazu durchringen, dem bis dahin nur auf private Initiative ermöglichten Gedenken an die NS-Krankenmorde mithilfe öffentlicher Fördermittel einen angemessenen Rahmen zu verleihen: mit dem erst 2014 eröffneten "Gedenk- und Informationsort" am Schauplatz der früheren Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin.

Dass Gedenken überhaupt möglich wurde, geht auf das unermüdliche Engagement Einzelner zurück. Ihnen schulden wir umso größeren Dank, als sie lange Zeit heftiger Kritik ausgesetzt waren und als Nestbeschmutzer galten. Heute führen Forscher, Schriftsteller und Filmemacher diese Pionierarbeiten von Alexander Mitscherlich, Ernst Klee, Götz Aly und anderen fort und tragen dazu bei, die längst überfällige Erinnerung zu befördern.

Dieser notwendigen und dauerhaften Erinnerung dient nicht zuletzt das Engagement der 80 Jugendlichen aus 15 verschiedenen Ländern, die auch in diesem Jahr als Gäste des Bundestages an der heutigen Gedenkveranstaltung teilnehmen. Wie in jedem Jahr haben sich die Jugendlichen intensiv auf das Thema vorbereitet und mit Zeitzeugen darüber gesprochen. Sie beteiligen sich an der Gedenkstättenarbeit ihrer Heimatländer und zeigen, wie es gelingen kann, das Wissen über die Vergangenheit an die nachfolgenden Generationen weiterzutragen.

Alle Fakten zur "Euthanasie" bleiben ohne die Vergegenwärtigung der Opfer abstrakt. Erst die Einzelschicksale der Gequälten und Ermordeten lassen uns wirklich erkennen, was unschuldigen Menschen angetan wurde. Indem wir ihre Geschichten hören und lesen, an uns heranlassen, geben wir den Opfern posthum wenigstens ihre Würde zurück.

Einer von ihnen war Ernst Putzki. 1902 geboren, stammte er aus Oberdüssel und war Hilfsarbeiter. Bereits 1933 wurde er – wegen rheumatischer Beschwerden – für eineinhalb Jahre in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf untergebracht. 1942 nahm ihn die Gestapo wegen Verfassens und Verteilens von Schreiben angeblich "staatsfeindlichen Inhalts" fest und ließ ihn wegen vermeintlicher "Geisteskrankheit" in die Provinzheilanstalt Warstein einliefern. 1943 wurde Ernst Putzki in die Landesheilanstalt Weilmünster verlegt. Von dort schrieb er den folgenden Brief an seine Mutter, den Sebastian Urbanski, Schauspieler am integrativen Theater RambaZamba in Berlin, nun vorträgt.

Vortrag Sebastian Urbanski:

Im September 1944 verlegten NS-Mediziner Ernst Putzki nach Hadamar, wo seit 1942 Patienten durch überdosierte Medikamente, Nahrungsentzug oder generelle Unterversorgung ermordet wurden. Ernst Putzki starb am 9. Januar 1945, nur wenige Monate nach seiner Einlieferung – angeblich an einer Lungenentzündung. In seiner Krankenakte fanden sich zahlreiche abgefangene Schreiben an Freunde und Familie, in denen er die unmenschlichen Zustände in den Anstalten beschrieb. Auch Ernst Putzkis Brief aus Weilmünster hat seine Mutter nie erreicht.

Nicht minder beklemmend ist die Geschichte Norbert von Hannenheims, Künstler, Komponist, Meisterschüler Arnold Schönbergs. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten endete Norbert von Hannenheims vielversprechende Musikerkarriere abrupt. Seiner kreativen Ausdrucksmöglichkeiten beraubt, verschlechterte sich sein psychischer Zustand zunehmend. Im Juli 1944 wiesen ihn Ärzte in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde ein und lieferten ihn so der Maschinerie des nationalsozialistischen Krankenmords aus. Norbert von Hannenheim starb im September 1945 – vorgeblich an Herzversagen. Nur 45 seiner 230 Kompositionen überdauerten die Wirren des Kriegsendes, darunter das Adagio der Klaviersonate Nr. 3, das wir gleich hören werden.

Nicht nur musikalisch, sondern auch in der Rückbesinnung von Verwandten sollen heute "Euthanasie"-Opfer dem Vergessen entrissen und ihnen Persönlichkeit und Gesicht zurückgegeben werden. Zuerst wird Dr. Hartmut Traub von seinem Onkel Benjamin, den die Nationalsozialisten 1941 in Hadamar töteten, berichten. Anschließend wird Sigrid Falkenstein an ihre Tante Anna Lehnkering erinnern, die 1940 in der Anstalt Grafeneck ermordet wurde. Für die mutige Bereitschaft, Einblicke in das Leben ihrer geschundenen Verwandten zu geben, aber auch die Tabuisierung zu beschreiben, mit der Familien und Öffentlichkeit allzu lange auf das Vorgefallene reagierten, möchte ich Ihnen beiden herzlich danken.

In Rainer Maria Rilkes Gedicht "Todes-Erfahrung", dessen Vertonung durch Norbert von Hannenheim am Ende dieser Gedenkstunde zu hören sein wird, ist das Leben als Bühnenstück dargestellt. Der Tod spielt die Rolle des Bösewichts. Die Menschen sind seine Opfer. Wir wissen heute, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Nicht der Tod ist "böse", wohl aber jene Menschen, die ihn unter Missachtung aller ethischen Prinzipien bewusst und willentlich und ohne Not herbeiführen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." So heißt es unmissverständlich in Artikel 1 des Grundgesetzes. Doch die Geschichte zeigt: Die Würde des Menschen ist antastbar. Nirgendwo wurde dieser Nachweis gründlicher geführt als in Deutschland. Gerade deshalb muss Artikel 1 unserer Verfassung kompromisslose Richtschnur unseres Handelns sein und bleiben, ein kategorischer Imperativ, um nie wieder zuzulassen, dass Menschen ausgegrenzt, verfolgt und in ihrem Lebensrecht beschnitten werden. Das schulden wir Ernst Putzki, Norbert von Hannenheim, Anna Lehnkering, Benjamin Traub, das schulden wir allen Opfern, derer wir heute gedenken.

Weitere Informationen:

http://www.kleiner-kalender.de/event/holocaust-gedenktag/9121-welt.html

http://www.webcal.fi/goto.php?t=824

Informationen zu dem Aufruf des jüdischen Weltkongresses
http://www.worldjewishcongress.org/en/weremember

Annas Geschichte - Zum Gedenken an Anna Lehnkering
http://www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/anna.htm

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Referenzen:

div. PM / eig. Text

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Zu guter Letzt

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