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Erfahrungsbericht

Sonntag, 2. August 2015 - 22:43

Alleinerziehende und dadurch auftauchende Probleme im Alltag

Ein Gastbeitrag von Tanja Gwiasda aus Dülmen.

Fast jede zweite Ehe wird im Laufe der Zeit geschieden, im Jahr 2014 waren es bundesweit 166 199 Ehescheidungen, in ca. der Hälfte waren es Scheidungen mit minderjährigen Kindern (Fallzahl 84 042). (*1) Ca. 1,6Mio. Alleinerziehende lebten 2014 in Deutschland. (*2)

Laut Zensus Dülmen vom 9.5.2011 gab es 6010 (31,4%) Paare mit Kindern, 1337 (7,0%) Alleinerziehende, davon waren 1119 (5,9%) alleinerziehende Mütter und 218 (1,1%) alleinerziehende Väter in Dülmen. (*3)

Immer öfters bekam ich bei der Wohnungssuche folgendes und ähnlich Ausgedrücktes zu lesen:"Vermietung nur an Alleinstehende, älteres Ehepaare oder Ehepaar mit einem Kind". Alleinerziehende Mütter und Väter werden so direkt ausgeschlossen, als wenn es wie in den 60er Jahren noch ein ganz übler Makel wäre, dieses stellt in meinen Augen eine direkte Diskriminierung dar und geht an der Lebenswirklichkeit der modernen Gesellschaft völlig vorbei.

In diversen Alleinerziehendengruppen bei Facebook, in entsprechenden Internetforen oder auch in persönlichen Gesprächen bekomme ich immer wieder zu hören, dass die Arbeitsplatzsuche als alleinerziehender Elternteil immens schwierig ist, da potentielle Arbeitgeber oftmals abwinken, wenn sie hören, dass jemand Alleinerziehend ist. Vorgebrachter Grund ist häufig, die Kinder könnten ja krank werden und dann haben Eltern grundsätzlich Anspruch auf unbezahlte Kinderkrankentage (die von der Krankenkasse bezahlt werden) und Alleinerziehende haben noch auf ein paar Tage mehr entsprechend Anspruch, wenn die Kinder noch klein oder behindert sind. Krippen, Kitas und auch Ganztagsschulen decken eben nicht die Betreuung von erkrankten Kindern ab, von Unterrichtsausfällen, flexiblen Frei-Tagen, Fortbildungen der Lehrer und Ferienzeiten ganz zu schweigen.

Dieser Umstand dürfte erklären, warum bundesweit im Durchschnitt 7,1% der klassischen Familien mit Kindern von Transferleistungen im Bereich des ALG II (Hartz4 genannt) leben, bei Alleinerziehenden dagegen die Quote bei unfassbaren 39,2% liegt. Insgesamt 2,2Mio. Kinder wachsen bei nur einem Elternteil auf. (*4)

Rein statistisch gesehen müssten also 524 alleinerziehende Mütter und Väter in Dülmen 2011 im Transferleistungsbezug gewesen sein, entweder aufstockenderweise da das Gehalt nicht zum leben reicht für die Alleinerziehenden und dem Nachwuchs oder eben im vollen sogenannten Hartz4-Bezug. Immerhin 46 alleinerziehende Haushalte gehen zur Dülmener Tafel im Jahr 2015. (*5)

Nun gibt es nicht gerade reichlich bezahlbaren Wohnraum in Dülmen, die Angemessenheitskriterien eines Jobcenters richten sich entsprechend den Sozialgesetzen an dem unteren Wohnstandart und entsprechende Kosten. Manchmal sind gemäß dem SGB II angemessene Wohnungen zu finden und da kommt dann eine andere Ablehnung zum Tragen, Vermieter haben manchmal Bedenken oder regelrechte Angst, wenn sie hören, dass ein Miet-Interessent im Transferleistungsbezug ist. Es gibt die Möglichkeit, dass ein Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter überweist.

Nun mag es sein, dass es kaum Erfahrung gibt mit dem Jobcenter, da die Erwerbslosenquote im Kreis Coesfeld aktuell bei erfreulich niedrigen 3,2% liegt. (*6) Dieser Umstand mag auch erklären, warum es häufiger eine ablehnende Haltung gegenüber Erwerbslosen gibt.

Die meisten Betroffenen hatten vor der Erwerbslosigkeit ein völlig normales Leben, sie werden leider manchmal mit den schwarzen Schafen, die man in der Presse und dem Fernsehen wahrnimmt, in einen Topf geworfen.

Wenn ich jetzt bedenke, dass die Hartz4-Quote bei Alleinerziehenden statistisch bei exorbitanten 39,2% liegt, schließt sich hier wieder der Kreis, dass manchmal Alleinerziehende nicht nur aufgrund ihres Status Alleinerziehend abgelehnt werden, sondern im dem Falle, dass sie zu den 39,2% gehören, auch manchmal wegen der Erwerbslosigkeit abgelehnt werden, was bei den Prozentzahlen einer indirekten Diskrimierung gleichkommt.

Seit April suche ich in Dülmen als Alleinerziehende mit einer 16jährigen Tochter und einem schwerbehinderten 18jährigen Sohn eine Wohnung in Dülmen. Krankheitsbedingt aktuell leider mit dem Jobcenter im Hintergrund. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, positive wie negative Erfahrungen, machen mich sehr nachdenklich, in was für einer Gesellschaft wir insgesamt leben. In einer Gesellschaft, wo Scheidungen ebenso wie alleinerziehende Elternteile nicht mehr die Ausnahme sind, wo die bundesweiten Erwerbslosenzahlen bei 1,97 Millionen Menschen liegt (natürlich bereinigt um alle Menschen in Maßnahmen, Krankgeschriebene, nicht Vermittelbare durch Pflege von Angehörigen oder Kindern unter 3 Jahren usw.), wird es teilweise doch als unnormal angesehen, alleinerziehend oder gar erwerbslos zu sein.

Dülmen ist eine wunderschöne Stadt, hier bin ich aufgewachsen und diese Stadt ist für mich Heimat. Die Hoffnung gebe ich nicht auf und ich suche weiter nach einem neuen Zuhause für meine Kinder und mich. Dass ein älterer Hund noch ein besonderes Hinderniss darstellt, ist ein anderer Sachverhalt.

P.S.:

Wir haben Vertragsfreiheit in Deutschland und Vermieter dürfen sich grundsätzlich selber aussuchen, wem sie eine Wohnung vermieten, dass ist auch gut so, denn sie müssen sich vor unseriösen Mietern schützen. Denn oftmals sind Mietwohnungen eine Kapitalanlage für das Rentenalter.

Manchmal wäre es wünschenswert, wenn eine in der modernen Gesellschaft gelebten Normalität nicht mehr schief angesehen wird, egal ob es um alleinerziehende Mütter und Väter geht oder um Erwerbslose.

Quellennachweise:

*1 https://www.destatis.de/…/EhescheidungenKinder.html;jsessio…
*2 http://www.ksta.de/…/-kinder-von-alleinerziehenden-hartz-iv…
*3 http://www.it.nrw.de/…/zensu…/gemeindeblaetter/B05558016.pdf
*4 http://www.badische-zeitung.de/…/zwei-von-fuenf-betroffenen…
*5 http://www.duelmener-tafel.de/index.php…
*6 https://www.kreis-coesfeld.de/Nachrichten-Einzelansicht.31.…

Ergänzung:

Für alle interessierten Dülmener Alleinerziehenden, es gibt eine Dülmener Alleinerziehendengruppe, wo Betroffene sich austauschen können
https://www.facebook.com/groups/760808050684833/


Referenzen

Short URL: http://linkcode.de/1xv

 


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